Pädagogische Fachbegriffe in der beruflichen Bildung
Glossar

Leittext

Um förderwirksame Ansätze zur (Selbst-)Steuerung und Organisation von Lernprozessen - z. B. in der projektorientierten Ausbildung - zu nutzen und diese in die betriebliche Praxis umzusetzen, ist - insbesondere in einer Reihe von Modellversuchen - die "Leittextmethode" entwickelt worden. Hier sind u. a. die bei Peine + Salzgitter in Salzgitter (kaufmännischer Bereich), Hoesch (gewerblich-technischer Bereich) entstandenen Ansätze einer adaptiven Ausbildung auf der Grundlage des Leitsystems bekannt geworden.

"Leittextgestützte adaptive Ausbildung ist darauf gerichtet, Lehr- und Lernprozesse für Jugendliche mit unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen förderungsbezogen so zu organisieren, dass allen Jugendlichen ein ziel-erreichendes Lernen ermöglicht wird" (MERTEN 1989).

Insbesondere werden hier folgende Anforderungen an Leittexte gestellt:

Sie ermöglichen den Lernenden

  • das gezielte Erkennen ihrer Defizite
  • das Ausgleichen von Lücken durch gezieltes Aufarbeiten
  • ihre individuellen Lerngeschwindigkeiten zu bestimmen
  • sich komplexe Lerngegenstände selbständig anzueignen.

Der Aufbau von Leittexten erfolgt in der Regel nach folgenden Lernschritten bzw. Stufen:

  • Informieren
  • Planen
  • Entscheiden
  • Ausführen
  • Kontrolle
  • Bewerten

In den jeweiligen Stufen werden u. a. Hilfen wie: Texte, Erklärungen, Formulare, Fallbeispiele, Handbücher, Netzpläne, Arbeitspläne, Schaltpläne, Listen der Arbeitsmittel, evtl. Software, Kontrollbögen, ein Lernpass den Lernenden zur Verfügung gestellt (vgl. BAUER 1989, HAMBUSCH 1992). Die Reihenfolge der Arbeitsschritte weist auf eine enge Beziehung dieses Ansatzes zum problemlösenden Unterricht und zum Projektlernen auf.

In der folgenden Abbildung (Folienvorlage) sind die "Anforderungen ..." und die "Lernschritte" der Leittextmethode zusammenfassend dargestellt.

Leittextmethode

Anforderungen:

  • gezieltes Erkennen von Defiziten
  • Ausgleichen von Lücken durch gezieltes Aufarbeiten
  • individuelle Lerngeschwindigkeiten
  • komplexerer Lerngegenstand

Stufen:

  • Informieren
  • Planen
  • Entscheiden
  • Ausführen
  • Kontrollieren
  • Bewerten

Leittexte, ob als Karteikarte, als Buch oder als Computerdatei (CBT) werden als Selbstlernmedium eingesetzt. Gerade beim individuellen Lernen zeigt sich aber, dass das Lernen der Lernenden/Auszubildenden höchst unterschiedlich ist. Die Differenzierung kann dann erfolgreich sein, wenn nicht nur der Faktor Zeit zur Disposition der Lernenden steht. Bei einem mittleren inhaltlichen Niveau werden schwach Lernende noch überfordert, hervorragend Lernende aber unterfordert. Wenn Differenzierung wirklich ernst genommen wird, müsste auch - bei gleichen Inhalten eine Niveaudifferenzierung vorgenommen werden.

Einfache Leittexte und -Sammlungen sind häufig Medien, die fatal an die programmierte Unterweisung der 60er und frühen 70er Jahre erinnern. Sie stehen in der Gefahr, die Lernenden sozial zu isolieren, statt Kooperation und Teamarbeit zu fördern. Der lerntheoretische Hintergrund fast aller Ansätze zur Selbstinstruktion beruht bislang auf dem behavioristisch linearen Reiz-Reaktion-Lernen. Kombinationsfähigkeit und vernetztes Denken in Zusammenhängen können durch dieses Konzept nicht gefördert werden.

Der Entwurf und die Produktion von Lernmedien, die einen kognitiven und lernfeldübergreifenden Ansatz und damit die mit der Neuordnung der Berufe verbundenen Intentionen fördern sind heute - auch technisch - möglich (van LÜCK 1992). Aufgrund des enormen Entwicklungsaufwandes, der sowohl die vorhandenen Ressourcen betrifft als auch die didaktische Kompetenz, finden sich aber nur bei großen Firmen vereinzelte Ansätze in der oben beschriebenen Richtung (vgl. MAN Betriebsschulung). Es handelt sich hierbei um Hypertext-Multimedia-Lernumgebungen.

Wenn trotz der erheblichen Bedenken mit Leittexten gearbeitet werden soll/muss, sind diese gründlich zu prüfen und nur sehr eingeschränkt einzusetzen. Sie dürfen keinesfalls als eine neue Universalmethode angesehen werden, mit der die Probleme heterogener Lerngruppen und die notwendige Differenzierung und Individualisierung des Lehrens und Lernens zu lösen sind.